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Die Qual der Wahl: Helfen oder warten!

Ein Kunde wollte einen leeren Karton haben. Auf der Suche nach einem passenden entdeckte er bei der noch zu packenden Tiefkühlkost in einem der Kühlbehälter einen Karton, der ihm gefallen würde.

Ines hatte das mitbekommen und meinte zu ihm: "Das Dauert aber noch einen Moment, bis das ausgepackt ist. Wir können die Ware ja wegen der Kühlkette nicht einfach hier auskippen."

Der Mann verzog das Gesicht und erklärte, dass er keine Zeit habe.

Ines, mit einem Lächeln: "Dann musst du der Kollegin helfen, dann geht das schneller."

Kunde: "Wenn ich dafür bezahlt werde!"

Ines: "Du bekommst den Karton dafür und brauchst nicht so lange zu warten."

Kunde: "Nee, dann warte ich lieber."

Also wartete er.

Einseitige Liebe

Wir haben einen Stammkunden, der in einem ganz anderen Teil der Stadt wohnt und damals schon immer bei unserem kleinen Markt in Findorff einkaufen war. Er hat uns geliebt, wollte aber immer ausdrücklich nur von den Männern bedient werden. Wenn nur Frauen anwesend waren, kam er durchaus sogar mal zu einem anderen Zeitpunkt wieder.

Als es hieß, dass wir den Laden auflösen werden, war er vollkommen geknickt. Er liebte unseren Laden, oder zumindest die Mitarbeiter, mit den Frauen konnte er nie etwas anfangen und wollte, wie gesagt, auch nach Möglichkeit nie von ihnen bedient werden. Nachdem er herausgefunden hatte, dass ein Teil meiner Belegschaft, zunächst hatte ich nämlich fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Neustadt mitgenommen und ausdrücklich niemanden gekündigt, verlängerte er seinen Einkaufsweg um mehrere Kilometer und kommt nun seit Ende 2020 immer zu uns in die Gastfeldstraße, um seine Einkäufe zu erledigen.

Aufgrund seiner massiven kognitiven Beeinträchtigung war es wohl die einzig für ihn akzeptable Lösung, den weiten Weg zu uns in Kauf zu nehmen, um seine geliebten Ex-Findorffer weiterhin beim Einkauf sehen zu dürfen. Seit Mitte 2020 haben uns inzwischen fast sämtliche ehemaligen Kolleginnen (und vor allem Kollegen) aus der Münchener Straße verlassen. Der Kunde kommt immer noch, möchte aber an der Kasse ausdrücklich immer nur von Männern bedient werden. Diese ganzen Marotten wären ja gar nicht so stressig, wenn der Herr nicht wirklich den gesamten Betrieb aufhalten würde.

Immer wieder enden seine Einkäufe auf die gleiche Art und Weise – und die ist ungemein lästig. Mit dem vollen Einkaufswagen kommt er zur Kasse und braucht dann immer eine regelrechte Sonderbehandlung. Während des Kassiervorgangs werden erst die finalen Entscheidungen getroffen, welche Artikel er nun wirklich behalten möchte und welche hier bleiben sollen. Teilweise ergibt sich das alles auch erst nach dem Kassieren, so dass Artikel wieder storniert werden müssen. Manchmal ist das, so mein Eindruck, eine willkürliche Entscheidung, manchmal liegt es am Geld, das er nicht ausgeben will oder kann.

Wir geben wirklich jedem eine Chance und wenn es mal etwas länger dauert, dann ist es eben so. Aber wenn ein einzelner Kunde eine von zwei Hauptkassen wenigstens 15-20 Minuten vollständig blockiert und sich an der anderen Kasse eine 15 Meter lange Schlange bildet, an dessen Ende die Leute schon entnervt nach einer zweiten Kasse rufen, dann ist auch unsere Geduld irgendwann am Ende. Der Mann kann einem ja Leid tun und er kann auch sicherlich nichts dafür, dass er so ist, wie er ist, aber … :-|

Wie soll man damit umgehen?

Gefühlte Beobachtung

Ines und ich standen privat bei uns im Gang mit den Knabberartikeln und meine bessere Hälfte guckte etwas gedankenverloren ins Chipsregal, während sie überlegte, welches Produkt wir mit nach Hause nehmen könnten.

Plötzlich grantelte ein junger Mann auf der Rückseite des Regals los, der dort auf auf der Suche nach einem bestimmten Sekt war. Unsere Regale haben keine geschlossenen Rückwände sondern nur ein Metallgitter, so dass man von einer Seite auf die andere gucken kann. Tatsächlich stand der Kunde wohl tatsächlich in Ines' Blickfeld, aber sie hatte ihn überhaupt nicht wahrgenommen, da wir wirklich nur auf der Suche nach Kartoffelchips für unseren Fernsehabend waren.

Er Kunde fühlte sich jedenfalls beobachtet und hatte aus diesem Gefühl direkt einen Angriff extrapoliert, konkret eine Unterstellung, dass er bei uns zu klauen gedenken würde. Diesen Gedanken trötete er auch lautstark heraus, so dass auch möglichst viele andere Kunden dies mitbekamen. Die waren jedoch auf unserer Seite und schüttelten nur mit uns lachend den Kopf.
Da der Kunde, den wir nicht beobachtet hatten, aber immer noch eine Frage zu einem Artikel hatte, kam kleinlaut wieder an und fragte um Hilfe. In dieser etwas abgeklungenen Atmosphäre schaffte ich es dann auch, ihn davon zu überzeugen, dass wir eben "nur so" da hingeguckt und ausdrücklich nicht ihn gemeint hatten.